Wissenstransfer – Warum die Signalmetapher zur Begriffsbestimmung nicht ausreicht

Zugegeben: Wissenstransfer ist ein sperriges Wort.
Schauen es wir uns also genauer an.

Wissen: Es gibt wohl kaum einen Begriff, welcher derart intensiv über die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen hinweg diskutiert und modelliert wurde wie der Wissensbegriff – dennoch oder gerade deshalb gelang es bisher nicht eine allgemein anerkannte Definition zu finden. Einen brauchbaren Einstieg liefert hier die oft zitierte Wissenspyramide. Es ist sicher auch richtig, dass Wissen in den meisten Fällen personengebunden ist und das sich Wissen und Information durch den Aspekt der Bewegung voneinander abgrenzen lässt, wie Kuhlen in seinem Ausspruch „Information ist Wissen in Aktion“ (Kuhlen 2004, S.15) schildert. Neu hingegen ist der Ansatz von Stock, welcher Wissen und Information in ständiger Wechselwirkung zueinander sieht und deshalb Information einer dynamischen  und Wissen einer statischen Komponente zuweist. Gust von Loh greift diesen Gedanken auf und spricht in ihrem Werk auch von subjektiven – das mit dem betriebswirtschaftlichen Ansatz fast identisch ist – und objektiven Wissen und will dadurch ausdrücken, dass Computer, Bücher (sowie Suchmaschinen) ebenfalls über Wissen verfügen können, da es dort „schlummert“. Hier ist Wissen dauerhaft auf einen Datenträger fixiert und es handelt sich um das Gewusste an sich (vgl. Gust von Loh 2009, S.14). Gust von Loh schließt ab indem sie betont, dass es sich beim objektiven Wissen nur um eine Teilmenge des subjektiven Wissens handelt, welche der Verschriftlichung bedingt, damit es von Informationstechnologien greifbar ist.

Transfer hingegen wird im umgangssprachlichen Sinn häufig mit dem (Weiter)-transport einer Ware oder Gegenstandes von Ort A nach B  verstanden – dies können in besonderen Fällen auch Menschen sein (Spielertransfer im Sport). Ein wesentliches Merkmal dieses Verständnisses von Transfer ist, dass das Transferobjekt nach erfolgreichen Transport nur noch an Ort B und nicht mehr an Ort A sein kann. Transfer wird hier als Verknappung der eigenen Ressourcen verstanden, was in vielen Fällen zutreffen mag.

Häufig wird Wissenstransfer in Paketform gedacht, was stark an die Signalmetapher nach Shannon und Weaver erinnert, um den Transfer von Wissen zu veranschaulichen. Wissen wird also als eine Art Paket gedacht, dass von Individuum A unter Einsatz eines bestimmten Mediums nach Individuum B übermittelt wird. Vernachlässigt wird bei dieser Herangehensweise jedoch, dass Individuum A beim Wissenstransfer keinen Verlust erfährt. Andererseits ist ein identischer Transfer der Ressource Wissen unmöglich, da Wissen wie beschrieben personengebunden ist und damit Wissenstransfer nur zwischen den Köpfen der Menschen stattfindet. Sukowski stellt hierzu einen wesentlichen Aspekt heraus:

Dennoch soll in dieser Arbeit der Begriff des Wissenstransfers gewählt werden, da der Zweck der Transferbemühungen die Vermittlung ähnlicher  Kenntnisse und Fähigkeiten zur Problemlösung ist und nicht die Übermittlung  von Informationen. Erfolgt im Rahmen des Informationstransfers eine  entsprechende Modifikation der Wissensbasis des Empfängers, so kann dies als  Wissenstransfer interpretiert werden.“ (Sukowski 2002, S.27-28)

Aus diesem Grund sind die Begriffe Wissensaustausch oder Wissensteilung angebracht und dienen darüber hinaus als willkommene Abwechslung bzw. Texterfrischer für Arbeiten, welche sich mit dem Thema Wissenstransfer beschäftigen. Es gilt jedoch herauszustellen, dass der ursprüngliche Wissensträger kein Wissen verliert.

Wissenstransfer ist für mich persönlich mehr als ein Wort.
Es impliziert eine Einstellung und ganz sicher ist es eine intrinsisch motivierte Willensäußerung (act of volition). Dahinter darf keine Entwicklung mehr fallen.

Literatur:

– Kuhlen, R.; Seeger, T.; Strauch, D.(Hg.) (2004): Grundlagen der
praktischen Information und Dokumentation. Band 1: Handbuch zur Einführung in die Informationswissenschaft und –praxis. Begründet von Klaus Laisiepen, Ernst
Lutterbeck und Karl-Heinrich Meyer-Uhlenried. 5. völlig neu gefasst Ausgabe. 2
Bände. München: K. G. Sauer.

– Gust Loh, Sonja von (2009): Evidenzbasiertes Wissensmanagement. Diss.
Wiesbaden: Gabler.

– Shannon, Claude; Weaver, Warren (1949): The Matematical Theory of
Communication Urbana: University of Illinois Press.

– Stock, W.G. (2007): Information Retrieval: Information suchen und finden. München: Oldenbourg.

– Sukowski, Oliver (2002): Der Einfluss der Kommunikationsbeziehungen auf die
Effizienz des Wissenstransfers – Ein Ansatz auf Basis der neuen Institutionenökonomie. Diss. St. Gallen.